Eppendorfer Bürgerverein von 1875 
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Samuel Heinicke
Begründer der 1. Deutschen Gehörlosenschule in Eppendorf 

Bronzebüste im SeelemannparkBronzebüste im Seelemannpark

„Wer nicht sprechen kann, kann auch nicht denken“ – dies war die allgemeine Ansicht bis ins 18. Jahrhundert. Menschen, die nicht sprechen können, galten als „Idioten“ und „nicht bildungsfähig“. Erst mit den Ideen der Aufklärung, dem Vertrauen in die Naturwissenschaften und der Forderung nach einer vernunftbasierten Gesellschaft, wurde diese Sichtweise in Frage gestellt. In Frankreich entwickelte Abbé l´Epée (1712-1789) eine Gebärdensprache für Gehörlose. In Deutschland erregte Samuel Heinicke (1727 – 1790), Dorfschullehrer in Eppendorf, internationales Aufsehen, als er es schaffte, gehörlosen Kindern das Sprechen beizubringen.

Heinicke wurde 1727 im kursächsischen Nautschütz als Sohn einer wohlhabenden Bauernfamilie geboren. Er galt als hoch intelligent, doch sein Vater ließ ein Studium nicht zu, er sollte lieber den Hof übernehmen und heiraten. Doch der Sohn widersetzte sich und trat in den Dienst der kurfürstlichen Leibgarde in Dresden ein. Hier bildete er sich autodidaktisch weiter und besserte seinen Sold als Musiker und Lehrer auf. 1756 brach der siebenjährigen Krieg aus, Heinicke geriet in preußische Kriegsgefangenschaft. Als er zwangsweise in das preußische Militär einbezogen werden sollte, desertierte er als fahrender Musiker verkleidet zunächst nach Jena und später nach Hamburg. 1760 wurde er Hauslehrer für die Kinder von Graf Schimmelmann im Schloss Ahrensburg, der ihn schließlich 1768 an die Stelle als Organist, Küster und Schulhalter in Eppendorf vermittelte.

Porträt in der St. Johannis-KirchePorträt in der St. Johannis-Kirche

Sein Start als Lehrer in Eppendorf war nicht leicht. Pastor Granau, der Dorfpfarrer, war nicht einverstanden, als Heinicke an die St.-Johannis-Kirche berufen wurde. Schließlich trat Heinicke als Anhänger der Aufklärung für religiöse Toleranz ein. „Gleich in der ersten Predigt, am Neujahrstage 1769, predigte er so gewaltig gegen die falschen Aufklärer und Freimaurer, die sich hier auch in die stille Gemeinde Eppendorf eingeschlichen hätten, daß den Dörflern angst und bange wurde“. (1) Doch der neue Pädagoge ließ sich nicht einschüchtern. Er führte eine neue Lehrmethode ein, die „Lautiermethode“: anstatt schwierige Texte wie z.B. den Katechismus auswendig zu lernen und zu buchstabieren, sollten die Kinder an einfachen Texten Silben und Wörter erkennen. Dies erwies sich als sehr erfolgreich und so fanden die Eltern den neuen Lehrer doch nicht so schlimm.

Als der Dorfmüller seinen gehörlosen Sohn in die Schule schickte, startete Heinickes Karriere als Lehrer für gehörlose Kinder. Unter Anleitung des Pädagogen lernte der Junge das Fingeralphabet, Schreiben und Lesen und schaffte es schließlich, schriftlich die Konfirmation abzulegen. Trotz dieses Erfolges haderte Heinicke aber mit seiner Lehrmethode: die Kommunikation seines Schülers über das Fingeralphabet und in schriftlicher Form schränke zu sehr ein. So versuchte er einen neuen Weg und ermunterte gehörlose Kinder, seine Mundbewegungen zu beobachten und nachzuahmen. 

Frühere Samuel-Heinicke-Schule WandsbekFrühere Samuel-Heinicke-Schule Wandsbek

Tatsächlich mit Erfolg: seine Schüler lernten Sprechen „zwar nicht schön aber verständlich“ (2). Zeitungen berichteten darüber, das kleine Dorf an der Alster in der Nähe von Hamburg wurde regelrecht berühmt. Die Anfeindungen durch einige Pastoren hörten indes nicht auf. Sie sahen in der „Entstummung“ einen Eingriff in die göttliche Weltordnung. Nicht zuletzt diese Feindschaft veranlasste Heinicke 1778, zusammen mit seinen inzwischen neun Zöglingen nach Leipzig zu gehen, wo er das "Königlich-Sächsisches Institut für Stumme und andere mit Sprachgebrechen behaftete Personen" begründete. Er starb dort am 29.4.1790 im Alter von 63 Jahren. Für Eppendorf bedeutete der Weggang des führenden Vertreters der deutschen Gehörlosenpädagogik das Ende für die Ausbildungsstätte für Gehörlose.

Heute erinnert ein Porträt in der St. Johannis-Kirche, 1890 gemalt von Anton Kaulbach, an Heinicke. Außerdem gibt es eine Heinicke-Straße und im Seelemannpark neben der Kirche steht seine Bronzebüste auf einem Granitsockel.

(1)  Wilhelm Schwarz, Eppendorfs Vergangenheit in Wort und Bild, Severus Verlag, Hamburg 2015

(2)  https://www.mdr.de/zeitreise/weitere-epochen/neuzeit/erste-deutsche-gehoerlosenschule100.html

(3)  https://web.archive.org/web/20021219121152/http://www.geocities.com/SoHo/Studios/5328/heinicke.html

Text und Fotos: Marion Bauer - mapio.net