Eppendorfer Bürgerverein von 1875 
Leben im Stadtteil mit Charme    

Seit 70 Jahren ein „Zelt in der Wüste“ 

Ende 2019 konnte St. Martinus-Eppendorf ihr Jubiläum feiern. Die Gemeinde blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, die kurz nach dem 2. Weltkrieg begann. „Die Einwohnerzahl Eppendorfs war wegen der Zerstörung durch Bomben enorm gestiegen,“ erinnert Pastor Ulrich Thomas. Die Johanniskirche wurde dadurch zu klein für die große Anzahl von Gottestdienstbesuchern; die Gemeinde suchte nach einer Ergänzung. Sie stellte einen Antrag zur Finanzierung des neuen Gotteshauses beim Hilfswerk der Evangelischen Kirche Deutschlands. Und auch die Amerikanische Sektion des Lutherischen Weltbundes spendete 10.000 US-Dollar für den Bau einer Notkirche. Schlicht sollte sie sein und vom eigentlichen Sinn des Gottesdienstes nicht ablenken. Der renommierte Architekt Otto Bartning hatte eine Art Baukasten-System ausgetüftelt, das günstig und einfach aufzubauen war und die Idee vom „Zelt in der Wüste umsetzte, als Erinnerung an die Wüstenwanderung des Volkes Israel“ um den Gläubigen Schutz vor der zerstörten Umwelt zu bieten.

„Viele haben getrauert“, sagt Pastor Thomas rückblickend, „die Heimat hat nicht mehr existiert“. Am 7. August 1949 wurde der Grundstein gelegt. Pastor Heitmann verkündete den neuen Namen der Kirche: St. Martinus. Am Bau waren nicht nur Handwerker, sondern auch Gemeindemitglieder beteiligt: Nach den Plänen des Architekt Gerhard Langmaack, der der Bartnings Vorgaben vor Ort plante, setzten sie – nicht wie sonst üblich - für das Mauerwerk Trümmersteine ein, sondern geschlämmten Kalksandstein. Typisch für die „Bartning-Notkirchen“ ist die dunkle Holzdecke, die in St. Martinus auf zweimal sieben Stützbalken (Bindern) ruht. Bereits am 11. Dezember 1949 konnte der Vorstand die Kirche einweihen - nach nur vier Monaten. Schon bald begannen Jungschargruppen und Konfirmanden-Unterricht. Mehrere Anbauten, erst 1954 das Gemeindehaus Martinstr. 33, dann 1973 das „Neue Gemeindehaus“ mit dem großen Saal, boten Platz für Gruppentreffen.

Angebote für junge und alte Menschen

1966 konnte die Gemeinde ihr Kindertagesheim in der „Blauen Villa“, Tarpenbekstraße 133 einweihen. 12 Jahre später gründete St. Martinus zusammen mit anderen Trägern die Diakoniestation Eppendorf-Hoheluft. Dazu kam die Altentagesstätte St. Martinus im Gemeindehaus. Zunächst gab es nur Kaffee- und Kuchen, später ein Wochenprogramm, das es in erweiterter Form immer noch gibt. Heute heißt die Einrichtung Begegnungsstätte Martinistraße 33, die St. Martinus gemeinsam mit der „Hamburgischen Brücke“ betreibt. Ulrich Thomas: „Neben traditionellen betreuenden Angeboten gibt es das Projekt ‘Runter vom Sofa, rein in Natur und Kultur‘ und andere Möglichkeiten aktiv zu sein“. Die Gemeinde ist heute stolz auf ihren Seniorenchor, der sich vor wenigen Jahren gründete. Dabei war und ist das Angebot von St. Martinus vielfältig. 

Über Jahre konnten Anwohner*innen regelmäßig bunt-gekleidete Ghanaer beobachten, die in die Kirche strömten. „Das waren Pfingstler – mit häufig ekstatischen Erlebnissen“, weiß Thomas. Inzwischen ist die Gemeinde eine Partnerschaft mit einer äthiopischen Gemeinde eingegangen. Wenn 300 weißgekleidete Menschen sich nach dem eigenen Gottesdienst zu Essen und Trinken versammeln, ist das Vergnügen manchmal noch an der Bushaltestelle zu hören. Seit über 30 Jahren gibt es in der Gemeinde eine Friedensgruppe, die aktiv gegen Aufrüstung und globale Ungerechtigkeit ist. Die Gruppe steht in Partnerschaft mit einer Gemeinde im Kongo. 



Ein Blick in die Zukunft: Die Zahl der Gemeindemitglieder lag anfänglich bei fast 15.000. Heute ist sie auf knapp ein Fünftel geschrumpft. Um sich gegenseitig zu unterstützen und die Verwaltung gemeinsam nutzen zu können, hat St. Martinus sich 2006 mit anderen Gemeinden im „Alsterbund“ zusammengeschlossen. Ulrich Thomas zur Zukunft: „Wir müssen uns baulich verkleinern“. Übrigbleiben werden wohl mittelfristig nur noch Kirche und Begegnungsstätte. Auch die Anzahl der Seelsorger wird in den nächsten 10 Jahren um 40 % abnehmen. Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer wäre ein Gottesdienst ohnehin nicht mehr zu feiern. Ob es Pastor Thomas manchmal schmerzt, wenn er - außer zu Weihnachten - vor wenigen Gläubigen predigt? „Unser Ziel ist nicht das volle Kirchenschiff“, erklärt er. „Wichtig sind die intakten Beziehungen zwischen den Menschen.“ Die Arbeit von St. Martinus geht also weiter – mit Gottesdienst, Konfirmandenunterricht, Seniorenbetreuung und Seelsorge. Anfragen kommen aus allen Schichten – quer durch die Alters- und Einkommensstruktur.

Quelle: https://www.alsterbund.de/St-Martinus-neu/st-martinus-gemeinde/gemeindegeschichte/

Text: Hans Loose

Fotos: St. Martinus; Gerd Rölleke; Hans Loose