Eppendorfer Bürgerverein von 1875 
Leben im Stadtteil mit Charme    

Bezirksamtsleiter Michael Werner-Boelz

Michael Werner-BoelzMichael Werner-Boelz

Die Bezirksversammlung hat ihn am 12. Dezember mit 27 von 51 Stimmen gewählt. Der „Eppendorfer“ hat mit dem 53-jährigen Werner-Boelz gesprochen

Die Koalitionsvereinbarung von Grünen und SPD ist 31 Seiten lang. Welche zwei Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?
Die größte Herausforderung ist die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Wir wollen höher bauen, mehr geförderten Wohnraum schaffen als bisher im Drittelmix üblich, Grundstücke nur noch im Erbbaurecht oder direkt an die städtische SAGA vergeben sowie den Wohnraumschutz intensivieren.
Besonders am Herzen liegt mir die Stärkung des sozialen Zusammenhalts in den Quartieren. Ehrenamtliches Engagement hierfür ist unerlässlich. Ich möchte hierfür bestmögliche Rahmenbedingungen schaffen. Die Förderung von Kultur und Sport ist mir dabei besonders wichtig. Beide leisten einen enorm wertvollen Beitrag für ein solidarisches Miteinander.

Sina Imhof, Katharina Fegebank, M.Werner-BoelzSina Imhof, Katharina Fegebank, M.Werner-Boelz

Grüne und SPD sind angetreten, um die Bedingungen für Radfahrer und Fußgänger in Hamburg-Nord zu verbessern. Wollen Sie den Autofahrern das Leben vermiesen, indem immer mehr Tempo 30-Schilder aufgestellt und Parkplätze abgebaut werden?
(lacht) Umgekehrt wird ja ein Schuh daraus: Jahrelang war die Verkehrspolitik ausgerichtet auf das Leitbild der „autogerechten Stadt“. Wir wollen das ändern und die Menschen in den Mittelpunkt der Planungen stellen. Wer den Rad- und Fußverkehr fördern will, muss den begrenzten Raum umverteilen. Nur so bekommen wir sichere Radwege und barrierefreie Fußwege. Tempo 30 ist übrigens die einfachste Methode zur Reduzierung der Lärmbelastung und zur Steigerung der Verkehrssicherheit.

Nach breiter Diskussion mit Anwohnern ist in 2017 eine Fußstrategie für Hoheluft-Ost und Alsterdorf entwickelt worden. Werden unter Ihrer Regie diese Pläne auch umgesetzt?
Ich habe mich sehr für die Entwicklung der Fußverkehrsstrategien eingesetzt, die wir in Nord als erster Hamburger Bezirk entwickelt haben. In der Tat kommt es jetzt darauf an, diese Pläne auch zu realisieren. Dazu bedarf es aber der Unterstützung durch die Landesebene. Wir brauchen zusätzliches Geld und Personal, um die notwendigen baulichen Maßnahmen umzusetzen.

Jamila Schäfer und Michael Werner-BoelzJamila Schäfer und Michael Werner-Boelz

Thema barrierefreies Bezirksamt: Bereits vor knapp vier Jahren hat die Bezirksversammlung die Weichen gestellt für Inklusion im Verwaltungsgebäude. In 2019 hat sich nach außen hin nichts verändert, im nächsten Jahr soll eine Rampe vor dem Eingang installiert werden. Ist die Barrierefreiheit in der Kümmellstraße ins Stocken geraten?
Die Umsetzung vieler guter Projekte dauert leider oft sehr lange. Das hat etwas mit langen Planungsprozessen zu tun, aber vor allem auch immer mit Fragen der Finanzierung. Im Dezember 2018 wurde die barrierefreie Pilotfläche am Nebeneingang des Bezirksamtes in der Robert-Koch-Str. 17 freigegeben. Die Kosten für den vollständigen barrierefreien Umbau wurden damals auf 1.686.000 Euro beziffert. Ich bin froh, dass jetzt zumindest für den nächsten Teilschritt eine Lösung gefunden wurde und der Haupteingang des Bezirksamtes barrierefrei umgebaut wird. Allein diese Maßnahme kostet 406.000 Euro. Das Gesamtkonzept sieht neben barrierefreien Zugängen auch ein inklusives Leit- und Orientierungssystem vor. Zielsetzung bleibt natürlich der vollständige barrierefreie Umbau des Bezirksamtes mit allen seinen Außenstellen.

Einige Abteilungen der Bezirks-Verwaltung sind in den letzten Jahren stark personell geschrumpft. Inzwischen werden vereinzelt sogar Rentner beschäftigt, um die dünne Personaldecke zu stopfen. Werden Sie sich für mehr qualifizierte Mitarbeiter*innen stark machen?
Der Fachkräftemangel ist leider auch in den Bezirksverwaltungen spürbar. Für eine leistungsfähige Verwaltung braucht es natürlich auch qualifiziertes Personal. Das wird zunehmend schwierig. Ein Weg ist die Betonung der „soft factors“ als Arbeitgeber, also z.B. das Werben um die Vorzüge der Bezirksverwaltung als bürgernahe Verwaltungseinheit mit familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen.

Für Tempo 30Für Tempo 30

Wird durch die Ernennung die Grüne Politik weichgespült, wenn einer der ihren die Bezirksverwaltung leitet?
Eine neue Rolle verändert auch die Rahmenbedingungen für das eigene Agieren. Es ist ein Unterschied, ob man Vorsitzender einer Fraktion ist und hier deren Linie vertritt, oder ob man als sogenannter „Bezirksbürgermeister“ für alle Einwohnerinnen und Einwohner des Bezirks verantwortlich ist. Ich bin mir aber sicher, dass sich an meiner politischen Grundhaltung nichts verändern wird: Ich mache mich stark für einen weltoffenen, pluralistischen Bezirk Hamburg-Nord, in dem jede/jeder seinen Platz finden kann.

Vielleicht mögen Sie auch noch etwas von sich erzählen wie Ihren Werdegang und vielleicht auch Hobby!)
Als ausgebildeter Verwaltungsfachangestellter war ich acht Jahre lang in Bayern in einer Stadtverwaltung tätig, bevor ich als Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung an der HWP ein Studium der Soziologie und Sozialökonomie aufnahm. Dieses habe ich 1995 erfolgreich als Dipl.-Sozialökonom abgeschlossen. Beruflich war ich als Geschäftsführer des GRÜNEN Kreisverbands Hamburg-Nord tätig, bevor ich ab 2008 als wissenschaftlicher Mitarbeiter der GRÜNEN Bürgerschaftsfraktion arbeitete (Bereiche Kultur, Wissenschaft, zuletzt Verkehr).

Seit 1998 bin ich durchgängig politisch in Hamburg-Nord aktiv, seit 2008 als Bezirksabgeordneter, seit 2010 als GRÜNER Fraktionsvorsitzender. Privat lese ich gerne Romane und soziologische Fachliteratur, gehe gerne zu Live-Konzerten und entspanne am besten an der Nordsee. Nicht verschweigen möchte ich meine seit frühesten Kindheitstagen entfachte Leidenschaft für den TSV München von 1860. Ein- bis zweimal pro Saison versuche ich ein Spiel live vor Ort im Grünwalder Stadion zu verfolgen. 

Interview: Hans Loose

Fotos: Christoph Reiffert, Henning Angerer

13. Dezember 2019